Steppenwölfe

Was Hermann Hesse in seinem Steppenwolf schilderte – der einsame Kämpfer gegen den Rest der Welt, ist auch heute noch die Attitüde vieler Männer. Mehr oder weniger die Charles Bronson, Clint Eastwood und Kirk Douglas Nummer. Ein Mann hat zu tun, was er eben zu tun hat und gelegentlich einmal eine Frau zu fragen, gehört bestimmt nicht dazu. Der waidwunde Krieger leidet viel lieber so demonstrativ vor sich hin, dass selbst eine Kampflesbe sich nach seinem Befinden erkundigen würde. Darum auch der sogenannte »Männerschnupfen«. Wenn schon gelitten wird, dann möglichst heftig. Hier bin ich krank, hier darf ich`s sein! Und, warum auch nicht? Schließlich liegen wir Frauen ständig mit unseren Hormonen im Clinch und klagen unabhängig davon, ob sie im Moment ursächlich beteiligt sind. Aber da liegt der Hund, bzw., der Mann begraben, weil er nicht klagt und erst kurz vor Torschluss medizinische Hilfe in Anspruch nimmt. Damit wäre das körperliche Leiden abgehakt. Jetzt kommen wir zum seelischen. Bis auf wenige Ausnahmen existiert dies nicht! So liegt das Verhältnis Frauen/Männer meiner Schätzung nach bei 7:1, was die Konsultation von Psychiatern und Psychotherapeuten betrifft. Was das Schlimmste ist, Männer klagen sich nicht einmal untereinander ihr Leid! Da wird gerne über technische Details und diverse Geschwindigkeitsrekorde schwadroniert. Der Fußball darf hier nicht vergessen werden. Bildet er doch eine Ersatzbühne für Freud, Leid und Wut. Einmal kräftig den Schiedsrichter beschimpft, erleichtert ungemein, bei ständig abnehmender Halbwertszeit. Männer sind Meister in Erschaffen von Ersatzbühnen. So findet sich äußerst aggressives Fahrverhalten hauptsächlich bei Männern. Leben ist halt Kampf und wo keiner stattfindet, wird er dort inszeniert, wo er nichts zu suchen hat. Irgendwie bahnt sich das Testosteron immer seinen Weg. Im Grunde genommen ist dieses Problem erst aus der Welt, wenn Mann vor allen anderen sagen kann: »Mir reicht es; ich gehe jetzt in meine Männergesprächsgruppe!«

Fleischersatz

Was jeder passionierte Steakesser bereits wusste – je blutiger, desto geschmackvoller – wurde jetzt im Silicon Valley mühsam herausgefunden. Es ist das Häm, ein Bestandteil der roten Blutkörperchen, das den wie oben bereits erwähnt, vollen Fleischgeschmack garantiert. Nun, und da sind die Siliconianer dem ordinären Fleischfresser voraus, haben sie einer Sojapflanze DNA entnommen, in eine Hefezelle verbracht und das Hämmolekül gewissermaßen geklont. Häm plus einige Pflanzenstoffe, auf die ich hier nicht weiter eingehen will, ergeben einen Veggie-Burger, den selbst Trump, für den der Fleischklops ja bekanntlich Hauptnahrungsquelle ist, nicht von einem echten unterscheiden kann. Also, ich finde das großartig! Wenn man bedenkt, dass die Tierhaltung wesentlich zum weltweiten Kohlendioxidspiegel beiträgt und, wenn man weiter bedenkt, wie viel Methan so ein Rindvieh stündlich herausfurzt, kommt man auf eine Menge, die sprichwörtlich auf keine Kuhhaut geht. Jetzt müssten nur noch fanatische Gentechnikgegner überzeugt werden, und wir gingen beim Thema Tier- und Umweltschutz einen enormen Schritt voran. Dabei ist diese Idee gar nicht so neu! Seit Jahrhunderten wird bei der heiligen Kommunion einfaches Esspapier in das Blut, bzw. Fleisch Christi verwandelt. Dem Klerus waren nur die Vorgänge auf molekularer Ebene nicht klar. Aber die fortschrittliche Idee als solche ist schon beachtenswert. Mir persönlich wäre es eigentlich wichtiger, wenn sich die Siliconianer einmal der Sache mit dem Wasser und dem Wein annähmen.

Lotterie

Nachdem ich heute Morgen wieder bei meinem E-Mail-Account Lotto spielte und dies darüber hinaus auch jedes Wochenende tue, kommt es mir im Moment in den Sinn, was ich täte, sollte Fortuna jemals ihr Glückhorn über mich ausschütten. Also, was fänge ich mit, sagen wir einmal, einer Millionen an? Außer nach Herzenslust, Bücher, Schuhe und Kleider zu kaufen, fällt mir da im Moment nichts weiter ein. Wenn ich hingegen jedes Buch, das ich besitze noch einmal mit Sinn und Verstand läse und jegliche Bekleidung trüge, bis sie unansehnlich ist, komme ich, summa summarum, mit der mir verbliebenen Lebenszeit nicht hin. Warum spiele ich Lotto? Natürlich geht es nicht um materielle Dinge. Vielmehr geht es mir darum, zu sagen, was mir in den Sinn kommt und zwar wann, wo und wie ich es will. Trumpgleich würde ich meinen Missmut über die Welt erbrechen. Es ist dieses »to big to fail«! Wenn wir dem amerikanischen Präsidenten allen Reichtum auf Dauer nähmen, bliebe nicht viel mehr übrig, als ein tobendes Rumpelstilzchen, das mit sich und der Welt im Unreinen ist. Vor so einem macht keiner einen Kniefall. Es sei denn, er hat Milliarden im Rücken. Dabei sind diese Milliarden bis heute zwar nicht sicher nachgewiesen – ich vermisse noch immer die Steuererklärung von Mr. Trump, aber der Schein genügt. Was mich jetzt auf den Gedanken bringt, ich könne ja so tun, als hätte ich eine stützende Mauer aus Goldbarren hinter mir. Daran kann mich keiner hindern. Zusätzlich lebe ich in einem Land, in dem ich bislang noch sagen konnte, was mir, wann, wie und wo auch immer in den Sinn kam. Man beachte das »bislang«, denn aus unerfindlichen Gründen sprießen die Sprachwächter gerade wie Pilze aus dem Boden. Liegt meiner Meinung nach an den gendervernebelten Köpfen, aber darauf wollte ich jetzt gar nicht hinaus. Wenn ich also so täte, als wäre der Jackpot längst mein, erübrigte er sich quasi von selbst. Ich führe hier ein vielsagendes Experiment an. Menschen, denen man einen weißen Kittel mit der Mitteilung überstülpte, es handele sich um einen Arztkittel, lösten Denkaufgaben besser als diejenigen, denen man sagte, es handele sich um einen Malerkittel! Jetzt mögen sich die Maler auf den Schlips getreten fühlen, aber Ergebnisse sind nun einmal Ergebnisse. Imagination wirkt! Trotzdem werde ich heute meinen Lottozettel abgeben, weil ich mir selbst da nicht ganz über den Weg traue.

Eroberer

Meiner Erfahrung nach bemühen Männer sich unentwegt intensiver um Frauen, die sie vielleicht noch haben könnten, als um die, die sie bereits haben, denn Ersteren leihen sie ihr Ohr, während sie bei Letzteren auf Durchzug stellen. Merke: nach dem Jawort beginnt der Wert der Eroberten zu sinken, was logisch ist, denn wer zieht schon schwere Geschütze in Gebieten zusammen, die bereits eingenommen worden sind. Wenn wir jetzt die Zeit auf die x-Achse setzen und die Betörungsversuche der eigenen Gattin auf die y-Achse, erhalten wir eine Gerade, die dem Nullpunkt zustrebt. Anders ausgedrückt : die Sprünge, die ein Hündchen für ein Leckerchen macht, werden durch Gewohnheit immer niedriger. Nun bleiben auch altgediente Ehefrauen vor allen Dingen eines, nämlich Frauen und die wollen täglich hofiert und erobert werden. Nietzsches Vorschlag, niemals zum Weibe zu gehen, ohne die Peitsche mitzunehmen, beweist nur, dass der arme Kerl sehr wenig Sex hatte. Einsam und verwirrt starb er, ohne seinen Standpunkt zu überdenken. Wer Sex will, muss eben nett sein. Das Männchen muss balzen, und ob eine Peitsche dabei eine Rolle spielt, hängt entschieden vom Geschmack des Weibchens ab. Nun meinen viele Männer heutzutage, dass Geld, Macht oder Statussymbole die Mühe des Minnesangs erübrigen, verkennen aber total, dass das Weibchen sich in diesem Fall aufgrund der Eigensicherung und derer ihrer Nachkommen entgegenkommend zeigt. Nicht umsonst ergeben sich die Traummaße eines Mannes aus, 90, 50, 40. Neunzig Jahre, fünfzig Millionen und vierzig Grad Fieber. Im Umkehrschluss verkommt der Mann zum reinen Trophäenjäger, wenn er sich die nächste Zwanzigjährige um und an den Hals hängt. Die Crux ist nun, dass Frau mit sinkendem Marktwert erkennt, wann Schluss ist, während dies beim Mann nicht passiert, sondern im Gegensatz dazu noch eine steigende Tendenz aufweist. Und während er in der Außenwelt fröhlich herumbalzt, wundert er sich über die zunehmende Kühle der eigenen Gattin und kann sich nicht erklären, warum er sie eines Tages überhaupt nicht mehr vorfindet. Lange Rede, kurzer Sinn, nur wenn ihr uns zum Mittelpunkt eures Universums erklärt, besteht die Chance, dass wir das auch für euch tun!

Offene Flanken

In einem Interview mit dem amerikanischen Psychotherapeuten Irvin D. Yalom erfuhr ich gestern den Sinn der Psychotherapie, wie er ihn versteht. Es geht vor allen Dingen darum, zu akzeptieren, dass man eben ein Mensch unter Menschen ist und das, was uns umtreibt, auch allen anderen-es sei denn, es handelt sich um ausgeprägte Soziopathen-nächtlich den Schlaf raubt. Sie geben es nur nicht zu! Irgendwie scheint unser Steinzeithirn noch keine offenen Flanken zulassen zu wollen und so sind wir die meiste Zeit bemüht, mit riesigem Aufwand unsere Achillesferse zu schützen und alle Kommunikation verkümmert darin, wer geschickter ist, dem anderen ein X für ein U vorzumachen. Wer zuerst zuckt, hat verloren, wenn man so will. Was haben wir zu befürchten? Der Verlust von Leib und Leben kann es, zumindest hier in Europa, nicht sein. Meines Erachtens liegt es an den mangelnden Selbstakzeptanz. Wer von uns hat schon ständig ein fröhliches »Ich bin, wie ich bin und das ist gut so« präsent? Unser Stammhirn- und da befinden wir uns jetzt weit vor der Steinzeit- befiehlt uns noch immer die absolute Anpassung an die Gruppe, um das nackte Überleben zu sichern. Da bekommt das Großhirn insofern keine Chance dem Einhalt zu gebieten, als das es gar nicht weiß, was in den tieferen Regionen vor sich geht. Was für ein Dilemma! Wie kommt man da nur heraus? Die Lösung prangte bereits über dem Tempel des Apoll in Delphi und dies ist bekanntlich schon einiges her. »Erkenne dich selbst«, stand da. Nur, wer genau erkennt, warum er im Moment tut, was er da eben gerade tut, hat die Chance, es zu ändern. Schlaue Griechen! Die hatten zwar keine Ahnung von Neuronenbahnungen im Gehirn, die bewirken, dass das, was man häufig denkt, immer wieder gedacht wird, weil es allein durch die Anzahl der Verknüpfungen halt bequemer ist. Wer schlägt schon gerne einen verschlungenen Pfad ein, wenn ihm eine Autobahn zur Verfügung steht? Diese Autobahnen führen jetzt direkt zu den offenen Flanken. Wer täglich denkt, er hätte eine zu große Nase, der kann nur durch anstrengende, wiederholte Neudenkübungen schließlich zu dem Schluss kommen, das das Ding in seinem Gesicht vollkommen normal aussieht. Und für diejenigen, die wirklich einen Riesenzinken besitzen, wäre die Denkübung zu empfehlen, dass ein Riechorgan aber auch gar nichts mit seinem Wert als Mensch zu tun hat!

Sorgenfrei

Heute morgen fiel mir auf, dass ich schon wieder meinen Wahlspruch vom größten Philosophen unserer Zeit, nämlich Karlsson vom Dach, aus den Augen verlor. »Was stört es einen großen Geist!« Beschäftigte ich mich doch mit so weltbewegenden Themen, wie die Tasse unserer Dusche wieder in den Neuzustand zu verbringen wäre, wieso die Waage ein Kilo mehr anzeigt, obwohl ich nicht mehr aß und warum ich die Flecken auf dem Badezimmerschrank ums Verrecken nicht wegbekomme. Um Schopenhauer zu zitieren: »Bei Abwesenheit von großen Sorgen, zwicken uns die kleinsten Unannehmlichkeiten!« Demnach bin ich eindeutig absolut »Großsorgenfrei«! Wer sich gedanklich mit Dingen auseinandersetzt, wie den äußeren Eindruck, den er auf andere macht, ist ein glücklicher Mensch. Er weiß es nur nicht. Und wem die Farbwahl des nächsten Neuwagens nächtlich den Schlaf raubt, der sollte mal in sich gehen und sich fragen, ob er noch alle beisammenhat. Der Mensch an sich sorgt sich gern, auch wenn von außen betrachtet, kein Anlass dazu besteht. Ich möchte hier Wilhelm Busch aus »Die fromme Helene« zitieren- heute habe ich es irgendwie damit, aber warum soll man sich neu ausdenken, was andere schon lange vor einem formulierten. »Es ist ein Brauch von alters her; wer Sorgen hat, hat auch Likör!« Demnach darf sich der Sorgenfreie keine kleinen Fluchten zugestehen. Nur derjenige, dem die Welt ach so übel mitspielt, besitzt die Berechtigung, gelegentlich das zu tun, was er eigentlich will. Denn dann sind ja die anderen Schuld daran, dass er sich gehen lässt. Anstatt zu sagen: Das brauch ich jetzt, das tu ich jetzt und ihr könnt mich alle mal, wird herumlaviert und lamentiert und am Ende fühlen sich alle gleich schlecht, der Delinquent und seine Umwelt schon gleich gar. Im Grunde genommen geht es doch darum, dass mir meine Duschtasse, mein Gewicht und der Badezimmerschrank herzlich egal sind und meine Sorge nur darin begründet ist, was andere von meinem Schlendrian halten könnten. Damit bin ich fein aus dem Schneider, den die anderen sorgen ja dafür, dass ich mich sorge. Wahrscheinlich liegt hier der Traum von der einsamen Insel begründet, denn was ginge es uns gut, wenn es die blöden Mitmenschen nicht gäbe. Dabei muss man sich nur an Karlsson halten: »Was stört es einen großen Geist!«

Damenwelten

Das Verlogenste, was mir in der letzten Zeit untergekommen ist, sind die Solidaritätsbekundungen der Damen in Schwarz bei der diesjährigen golden Globe Verleihung. Anstatt dort zu erscheinen, wie die Natur sie eben schuf, traten sie auch in schwarz, ausstaffiert wie die Märchenprinzessin auf, die ohne den Kuss des Prinzen nicht erwachen, geschweige denn selbsttätig laufen und denken könnten und wirkten wie auf dem Sprung auf die nächste Besetzungscouch. Wenn wir Frauen weiterhin nach dem Motto: Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste im ganzen Land?, gegeneinander antreten, wird das nichts mit der Emanzipation. Allein die ersten Sätze meines Textes lassen mich in den Verdacht der »untervögelten Kampfemanze« geraten und ich möchte nicht wissen, wie viele meiner Geschlechtsgenossinnen dem wider besseres Wissen zustimmen werden. Frauen untereinander gebären sich wie Krähen, die nur zu gerne der anderen das durch passende Schminke optimal betonte Auge aushacken würden und die Staffage bei öffentlichen Auftritten dient weniger der Anlockung des Männchens, sondern der Bloßstellung der Konkurrenz. Das Verhältnis der Frauen untereinander ist eben nicht von Solidarität geprägt. Nein, es ähnelt eher dem Verhältnis der bösen Stiefmutter zu Schneewittchen und wie gerne würden wir diejenige, die uns aussticht, einmal kräftig in einen vergifteten Apfel beißen lassen. Von einem Mann hinters Licht geführt worden zu sein, mag zwar noch irgendwie erträglich erscheinen, aber von einer Konkurrentin ausgetrickst zu werden, ist unerträglich. Nun meinen die Männer in ihrer blöden Eitelkeit, Frau nähme all die Mühen des guten Aussehens auf sich, um ihnen zu gefallen, dabei richtet sich die Aufmerksamkeit der Damen im Saale weniger auf die Männchen, als auf die anwesenden Weibchen. Einem Mann würde es nie auffallen – es sei denn, er wäre homosexuell, ob der Lidstrich verrutscht oder zu stark aufgetragen ist, aber jede Frau notiert es sofort und zieht genüsslich darüber her. Gestern bemerkte ein Curvy Model im Fernsehen, dass Hasskommentare, die sie ob ihres Aussehens bekommt, fast ausschließlich von Frauen stammen. Der Gipfel war wohl: »Wenn eine fette Kuh wie du es schafft, Model zu werden, wieso renne ich dann dreimal pro Woche ins Fitnessstudio?« Ja, warum eigentlich frage ich mich an dieser Stelle auch. Wäre »Hirnjogging« in diesem Fall nicht angebrachter? Das Curvy Model nannte sich selber so, weil ihr der Ausdruck »Oversize-Model« nicht gefiel. Interessant, bei einer Konfektionsgröße von 42/44 gehört man heutzutage bereits aufgrund von ausladenden weiblichen Formen in die Bereiche der Abnormalität. Nein, nein, meine lieben Geschlechtsgenossinnen, der absoluten Gleichstellung der Frau steht nicht die Männerwelt, die mir im Moment schon komplett damit überfordert scheint, im Wege, sondern wir gönnen es einander nicht.

Mitgefühl

Nichts ist in meiner Familie so dünn gesät, wie Mitleid. Meiner Ältesten mussten wir den Berufswunsch der Notärztin dringend ausreden, da sie bei jedem beobachteten Unfall in nicht kontrollierbare Heiterkeitsausbrüche verfällt und es für die vielleicht noch zu rettenden Verunfallten sehr fatal wäre, in ihrem Blut liegen bleiben zu müssen, bis sich der Nothelfer in Ruhe ausgelacht hat. Da kann ich gehirnerschütterrungsschwer gegen die Windfangglastür prallen, meine Tochter reißt höchstens, bei dem Versuch vor Lachen auf den Beinen zu bleiben, das Waschbecken im benachbarten Gästeklo ab. Dies ist genetisch bedingt. Wie gerne erinnere ich mich daran, als mein Mann im Wohnzimmer meiner Eltern aus seinem Sessel sprang und mit aller Wucht gegen die massiv eichene, mit Gusseisen versehene Deckenlampe knallte und wie vom Blitz getroffen zu Boden ging. Meine Mutter und ich mussten uns gegenseitig stützen, so sehr riss uns unser Heiterkeitsausbruch von den Beinen. Selbst jetzt, Jahre später muss ich beim Schreiben innehalten und mit die Lachtränen aus den Augen wischen. Ich glaube fest, dass meine Jüngste den Beruf der Schauspielerin nur wählte, um auf der Bühne einmal richtig leiden zu können, ohne dass jemand lauthals lacht, was natürlich von ihrem Talent abhängig zu machen wäre. Ein Talent zu leiden haben wir ausnahmslos alle. Einsamer Spitzenreiter ist bei uns meine Schwiegermutter, die man mitten in der Nacht zu einem Leidensausbruch der seines gleichen sucht, wecken könnte, da sie den Morgen ja sowieso nicht mehr erlebt. Guter Zweiter wäre meine Mutter, die nichts so sehr aus der Fassung bringt, wie ein unklug gewähltes Wort. Den dritten Platz belegt mein Göttergatte, der bei jedem Leidensausbruch eines anderen, die eigene Martyriumskiste sperrangelweit öffnet, entlässt, was heldenhaft zurück gehalten wurde und mit Gegenjammern jedes Fremdjammern im Keim erstickt. Aber die wahre Krone gehört mir! Wer viel jammert, dem wird wenig zugemutet, dachte ich zwar immer, wurde aber in meiner ausnahmslos nicht mitleidenden Familie eines besseren belehrt und so leide ich still vor mich hin, was zwar tagfüllend, aber nicht sehr befriedigend ist. Wo wir ohne Ausnahme vor Mitleid zerfließen, ist, wenn ein Tier leidet. Bilder von Kriegsschauplätzen rühren uns nicht so sehr, wie eine Katze, die sich in einer Schnappfalle verfangen hat, oder ein grauer Mäuserich mit gebrochenem Füßchen. Jeden Wal würden wir höchstpersönlich unter Einsatz aller unserer Kräfte an seinen wahren Bestimmungsort schleppen, wenn nötig auch unter Einsatz von Mund zu Mund Beatmung. Denn die Tiere unterliegen unserer Obhut, während der Mensch halt eben selber seines Glückes Schmied ist, sich also nicht so anstellen soll und käme er auch aus der eigenen Verwandtschaft.

Verträglichkeit

Beinahe jeder von uns hält sich für einen verträglichen Menschen, was so nicht stimmen kann, denn es geht ja darum, sich zunächst einmal mit sich selbst zu vertragen, bevor man anderen diese Güte erweist. Wer auch nur den kleinsten Mangel bei sich entdeckt, wird wie ein Bluthund diesen auch bei anderen aufspüren, sich laut aber niemals dazu äußern und dann hätten wir sie dann, die geheuchelte Verträglichkeit, die mit einem zähneknirschenden Grinsen daher kommt, das leicht mit einem wohlwollenden Lächeln verwechselt wird. Dabei ist die Verträglichkeit einer der fünf Hauptfaktoren, aus denen sich die Persönlichkeit zusammensetzt. Da haben renommierte Seelenforscher lange drüber nachgedacht und diskutiert, bis sie sich endlich auf die »Big Five« einigten. Und hier sind sie nun: Offenheit, Gewissenhaftigkeit, Extraversion, Verträglichkeit(!) und Neurotizismus. Der Mensch, bzw. seine Persönlichkeit bedient sich quasi einer Palette mit fünf Farben und mischt munter drauflos. Die interessanteste Farbe, die alle anderen gleichsam überdeckt, ist der Neurotizismus, also endlose mit sich selbst und dem Rest der Welt nicht klarkommende Spinnerei, wenn man so will. Je mehr davon vorhanden ist, desto weniger vertragen sich die Menschen und, je weniger die Menschen sich vertragen, desto düsterer die Aussichten für die Spezies als solcher. So gesehen ist die Verträglichkeit weit mehr als eine Eigenschaft nämlich pure Notwendigkeit. Aber die Fähigkeit Kriegsbeile zu begraben kommt uns mehr und mehr abhanden. Liegt wahrscheinlich am Rauchverbot für die Friedenspfeife. In diesem Zusammenhang ist doch auffällig, dass je weniger Genussmittel in einer Gesellschaft erlaubt sind, diese Gesellschaft nicht nur unverträglich, sondern auch unerträglich ist. Wenn der Genussmittelspiegel stimmt, fallen sich sogar Erzfeinde um den Hals. Und damit kommt meine Eingangsthese wieder zu ihrem Recht. Drogen machen entspannt und zufrieden, vor allem auch mit sich selbst. Der beduselte Mensch nimmt es eben nicht so genau und lässt bei sich und anderen durchgehen, was nüchtern gar nicht vorstellbar ist. Und da heißt es auch noch: keine Macht den Drogen. Nein, nein, so wird das nix mit dem Vertragen.

Perfektion

Perfektion bedeutet Stillstand. Das Perfekte existiert nur durch und für sich, ruht sich bis in alle Ewigkeit auf seinen Lorbeeren aus, denn jede Bewegung brächte nur Verschlechterung in einen optimalen Zustand, und ist damit vor allen Dingen eines: furchtbar langweilig! Warum, so frage ich mich, drängt es uns immerzu nach Perfektion? Schließlich muss ein Leben, wenn es denn einmal perfekt ist, nicht weiter geführt werden, denn, was sollte noch kommen? Selbst das Universum scheint nicht perfekt zu sein, da es sich noch bewegt. Der Riss, die Abweichung, die Möglichkeit als solche macht das Leben doch erst lebenswert und spannend. Nehmen wir einmal den Zustand meines Autos. Ein Hort des Ärgers für meinen Gatten, der die lebensbejahende Spannung, die in der Möglichkeit liegt, dass es irgendwann mal sauber und geordnet sein könnte, nicht aushält. Der den körperlichen Schmerz nicht erkennt, der mich überfällt, wenn er ein perfekt gebügeltes Oberhemd anzieht, der nur zu vermeiden ist, wenn die eine oder andere Knitterfalte vorhanden ist. Würde ich meine Böden perfekt wischen; die Hunde kämen mir niemals mehr ins Haus! – Mein Mann übrigens auch nicht – Wäre ich die absolut perfekte Frau, ich würde mich im Leben doch nicht mit etwas so banalem wie einen Ehemann abgeben. Ich würde selbstverliebt vor dem Spiegel stehen und damit hätte es sich aber auch schon. Wie schwer es ist, bestehende Perfektion zu zerstören, zeigt sich nirgendwo so gut, wie beim Erwerb eines neuen Backofens. Funkelnagelneu glimmt und gleißt er und scheint zu gut für diese Welt und für einen fetten Braten schon gleich gar. Da gehört schon mächtig viel eingebranntes Fett hinein, um ihn völlig skrupellos täglich zu benutzen. Aber auch in diesem Punkt kommen meine bessere Hälfte und ich nicht zusammen. Irgendwie hat er den tieferen Sinn der Bezeichnung Gebrauchsgegenstand noch nicht verinnerlicht. Wo gehobelt wird, da fallen eben Späne. Und wo nicht, da ist es zum Gähnen langweilig.