Das Dampfkesselprinzip

Wenn man mich fragen würde, was selten einer tut, so würde ich den Volksmund als unendlichen Quell der Weisheit anführen. Heute Morgen beschäftigte ich mich mit dem Ausspruch: aus seinem Herzen eine Mördergrube machen. Bedeutungsschwere Worte wie ich finde. Wer seinem eigenen Herzen keine Luft zum Atmen verschafft, wird zum Mörder. Nun kann man da noch von Glück reden, dass die meisten von uns zu Selbstmördern ad hoc oder auf Zeit werden, aber die Zunahme von Amokläufen stimmt mich doch ein wenig nachdenklich. Wenn jemandem aufgrund von lange unterdrückter Wut die Mordlust in die Augen steigt, ist im Vorfeld etwas gründlich falsch gelaufen. Die rund um uns aufschwappende, teilweise nicht nachvollziehbare Aggression, die sich in Fußballstadien, auf der Autobahn, in den sozialen Medien und im alltäglichen Umgang miteinander zunehmend entlädt; wo kommt die »auf einmal« her? Meines Erachtens liegt es daran, dass derjenige, der sich nicht traut »frei von der Seele weg«(!) zu reden, irgendwann explodiert, wahlweise nach innen oder nach außen. Die Maulsperre, die uns die political correctness auferlegt, führt dazu, dass das bis zur Selbstverleugnung korrigierte Volk sich damit rächt, solche Hohlköpfe wie Trump zu wählen, die zwar nicht sagen, was sie denken, da sie dies nicht können, aber aussprechen, was sich im »gesunden Volksempfinden« so alles anstaute. Und dann bricht sich eben Bahn, was sich Bahn brechen will und was im Stadium des Baches noch zu vernachlässigen war, wird zum reißenden Strom, der alles und jedes und vor allen Dingen die Vernunft unter sich begräbt. Lasst doch jeden Idioten quasseln, was er will und fühlt euch nicht dazu berufen, ihn umerziehen zu wollen, denn sonst schließt er sich mit seinesgleichen zusammen und geballte Blödheit ist schwerer zu kontrollieren als vereinzelte. Und wer weiß, vielleicht steckt ja in dem Geäußerten, wie im Kindermund ein klitzekleines Stückchen Weisheit. Die »ich weiß, dass ich nichts weiß« Mentalität bringt den positiven Aspekt des Zuhören Müssens mit sich und vielleicht nähern wir uns der objektiven Wahrheit nur, wenn wie die Abermillionen der subjektiven zulassen. Denn schließlich kann man eine Sache unmöglich nur so und nicht anders betrachten. Lassen wir einander gelten, auch wenn es noch so schwer auszuhalten ist. Bedenken wir lieber, dass das, was heute gilt, morgen schon ganz anders aussehen kann. Und, wer ständig ein wenig Luft ablassen kann, ist davor gefeit, irgendwann zu platzen. Überlassen wir die Singularität dem Weltall, wo sie schöpferisch wirkt.

Raserei

Da ich schon seit längerem Probleme damit habe, mich mit meinem Auto auf die Autobahn zu begeben, ich mir dies aber nicht durchgehen lassen möchte, habe ich am Wochenende die Fahrt in den Ruhrpott auf mich genommen. Ich befand mich kaum 10 Minuten auf der A 31, da wusste ich bereits, wovor ich mich da fürchtete. Ich kann nur sagen, auf den deutschen Autobahnen herrscht Krieg. Vermeintliche Besitzer der linken Fahrbahn, die die im Alltag angestauten und nicht herausgelassenen Aggressionen nun mittels eines Boliden oder einer zweirädrigen Rennziege unter das Volk bringen, notorische Lichthuper, Drängler, Auffahrer und ähnlich Todessehnsüchtige mehr, verschaffen sich dort die Geltung, die sie sich anderweitig nicht verschaffen können. Im Anfang meinte ich noch, mich für den Raum, den mein Uraltvolvo nun einmal einnimmt, entschuldigen zu müssen und ließ mich von den Rasern pflichtschuldig von der Überholspur scheuchen, aber als mich jeder LKW vor die Frage stellte, dahinter bleiben, oder überholen kam ich ins Grübeln. Ich schere nicht plötzlich aus. Ich bin stets mittels Spiegel über die Verkehrslage hinter mir informiert, da von vorne auf der Autobahn nur in seltenen Fällen jemand kommt. Ich vermeine dann durchaus, wenn mir der linke Rückspiegel vermeldet, dass die Überholspur frei ist, einen LKW mal mit 120-150 Kmh überholen zu dürfen. Aber wie der Teufel es will, jedes Mal kommt von hinten ein Tiefflieger angeschossen, vorsorglich den linken Blinker gesetzt, damit er nicht in Gefahr gebracht wird und besteht brachial auf seinem Recht der freien Fahrt. Selbst wenn man sich auf der rechten Fahrspur befindet, kann es passieren, dass an der linken Seite möglichst dicht Motorräder mit geschätzten 300 Kmh laut aufheulend an einem vorbei rasen, dass es einen vor Schreck fast auf den Beifahrersitz katapultiert. Wohl gemerkt, ich gehöre nicht zu den Autofahrern, die sich mit 70 Kmh auf der linken Fahrbahn ein Kaffeepäuschen gönnen. Ich fahre zügig, aber nicht riskant. Dabei hätte ich alles Recht, mich laut Gesetz mit einer Geschwindigkeit von 70 Kmh auf der Autobahn zu bewegen, aber wer will das schon. Niemmals wird der Mensch mehr zu dem Tier, das noch immer in ihm wohnt, wenn er die nötigen PS sein eigen nennt- in Deutschland zumindest. Da werden selbst ansonsten wie Verkehrshindernisse erscheinende Holländer zu verkappten Formel 1 Piloten. Lasst es raus, lasst alles raus und nieder mit der Geschwindigkeitsbegrenzung auf deutschen Autobahnen! Der Ruf wird bis Japan und Amerika vernommen, die ihre PS-Monster hier einmal gründlich ausfahren und unsereins wundert sich, wo die ganzen Hasardeure her kommen. Fahrt euch eure Seele frei, aber ich sage, fahrt zur Hölle. Wenn euch so nach tot sein ist, dann regelt dies privat, aber bringt mich nicht ebenfalls in Lebensgefahr. Mietet euch eine Rennstrecke, wenn es denn sein muss, aber verwandelt die öffentlichen Verkehrswege in keine solche! Ich bin übrigens heile angekommen, denn es geschehen noch Zeichen und Wunder.

Kleider machen Leute

Aus irgendeinem Grund kam mir heute die Umschreibung der Bibel für den Geschlechtsverkehr in den Sinn. Da wird sich nämlich erkannt, statt gevögelt. Was völlig neue Wege hin zum »Erkenne dich selbst« eröffnet. Wie ist das in der Bibel gemeint? Werden wir nur erkannt, wenn wir uns nackt und bloß einem anderen hingeben? Und, kann ich den anderen nur erkennen, wenn er alle Hüllen fallen lässt? Schon in dem Moment, in dem ich dies niederschreibe, erkenne ich: Ja, wie denn sonst? Schließlich war die allererste Erkenntnis, nach dem Naschen der verbotenen Frucht, laut Bibel, diejenige unserer eigenen Nacktheit. Wobei mir im Moment der Rat einfällt, dass man, um nicht allzu sehr von einer anderen Person beeindruckt zu sein, sich diese einfach nackt vorstellen müsse. Der Ausdruck Verschleierung wir nicht von ungefähr dazu benutzt, die Wahrheit im Verborgenen zu halten. Ein Amt braucht vor allen Dingen eines, eine dem Amt angemessene Robe. Aber muss man dieser Robe auch noch die geforderte Achtung erweisen, wenn sich der letzte Trottel darunter verbirgt? Was bleibt vom Herrscher ohne seinen Hermelin? Kleider machen Leute, heißt es so schön. Bin ich, ohne Bekleidungswert, wertloser als nackt? Heutzutage trägt man ja gerne Label, um seinen Wert unter Beweis zu stellen, als ob die Strahlkraft eines Designernamens auch denjenigen mit einschließt, der sich die Klamotte leisten kann. Eine Perversion des »ich denke, also bin ich« in ein »ich trage, also bin ich«. Wir stellen zur Schau, damit alle schauen, aber nur bis zur Oberfläche, aber um Himmels willen nicht tiefer. Mehr Schein als sein, wenn man so will. Dabei wird das ganze Brimborium nur veranstaltet, um wie bei den prächtigen Pfauen die sexuelle Attraktivität zu erhöhen. So gesehen, erkennt man erst, wenn man mit einem Pfau ins Bett steigt, dass man jeder Menge heißer Luft auf den Leim gegangen ist. Armani außen heißt noch lange nicht Supermann innen. Und so führt der Beischlaf zur tieferen Erkenntnis des Gegenübers. Man kann von der Bibel halten, was man will, manchmal liefert sie wertvolle Denkanstöße. Der Blender blendet eben nur so lange, wie wir von seiner äußeren Erscheinung geblendet sind. Der von einem Brillantkollier geschmückte Hals täuscht oft nur über die Leere des Kopfes hinweg, den er trägt. Und auch der kleinste Wicht gelangt durch die entsprechende Uniform zu einer Abart von Stärke. Ich streife mir demnach mit meiner Bekleidung ein Bild von mir selber über, das ohne diese keinen Bestand mehr besitzt. Nicht weit weg von den Naturvölkern, die sich die Felle der erlegten Raubtiere um die Schultern legten, um sich ein Stück weit deren Stärke zu eigen zu machen. Jetzt fragt sich nur, wie weit diese Metamorphose reicht. Bin ich nur mit dem Löwenfell dem Löwen gleich, oder wäre ich es auch so? Und ist mein Gegenüber nur von dem Fell beeindruckt, das ich trage, oder gilt die Wertschätzung meiner Person? Klären lässt sich dies nur, wenn man sich entblößt und schaut, was passiert.

Ursache-Wirkung

Das Ursache-Wirkungsprinzip scheint überall im Universum zu wirken und wir haben es so verinnerlicht, dass wir bei allem und jedem ein »wenn, dann« einbauen. Wenn ich erst dies und jenes erreicht habe, dann…. Wenn du endlich tust, was ich dir sage, dann… Oder schlimmer noch, wenn du nicht tust, was ich dir sage, dann … Ohne erfüllte Vorbedingung, kein Weiterkommen. Jetzt frage ich mich, ob das Universum wirklich nur das Ursache-Wirkungs-Prinzip kennt; diese einengende, nichts neu spontan entstehen lassende Rigidität. Natürlich nicht, denn dann hätte die Evolution niemals stattgefunden. Erst mal machen und dann schauen, was dabei heraus kommt, ein Grundprinzip des Fortschritts. Warum auf ein wenn ich groß und stark bin warten? Vielleicht werde ich ja nicht groß und vor allen Dingen nicht stark und was dann? Lege ich dann die Hände in den Schoß und sage, na gut, wenn das wenn nicht erfüllt ist, dann das dann eben nicht und warte still auf den Tod? »Wenn ich einmal reich wär`«, ja, was dann? Dann lebe, denke und sage ich, wie und was ich eigentlich möchte. Warum nicht umgekehrt? Erst lebe, denke und sage ich, wie und was ich eigentlich möchte und lasse mich überraschen, was dabei heraus kommt. Problematisch, weil das Risiko des Scheiterns drohend über dem Weg ins Ungewisse steht, aber ohne dieses Risiko auf sich zu nehmen, wäre die Erde nie komplett bevölkert worden. Und ein sehr ereignisreiches Leben haben Billardkugeln auch nicht. Neues entsteht, wenn etwas aus dem Gefüge ausbricht. Und da wir keine Billardkugeln sind, brauchen wir den äußeren Anstoß eigentlich nicht. Es gibt den berühmten Gottesbeweis, der darauf beruht, dass es einen ersten Beweger gegeben haben muss, damit alles in Gang kommt. Und vielleicht ist der Mensch ja insofern nach Gottes Ebenbild erschaffen, dass auch er etwas in Bewegung setzen kann. Wenn ein Mensch etwas komplett Neues denkt oder tut, reden wir ja gerne von Inspiration, dem Einhauchen des Göttlichen. Vielleicht ist ja mit dem Gottesteilchen irgendein Quark, String oder etwas noch viel Kleineres gemeint, das eben nicht wie erwartet handelt. Und, warum sollte nicht so ein kleiner Ausreißer im Kopf eines jeden Menschen sitzen, der nur nicht zum Zuge kommt, weil Bedenkenträgerei ihn daran hindert. Es könnte ja auch ganz anders als bisher gedacht sein, aber wenn immer das Gleiche gedacht wird, finden wir es nie heraus. Also, ein dreifach hoch auf alle »Ver-rückten«, auf die, dem eigenen Wahn verfallenen Genies und auf die Absonderlichen, auf die Billardstöcke unter uns!

Ohne Worte

Mir geht ein Begriff, der mir heute Morgen in den Kopf kam, nicht mehr aus dem Sinn. Es geht um das wunderschöne Wort »Wortschatz«. Das Schatz darin besagt doch einwandfrei, dass jede Sprachzensur uns ein wenig ärmer macht, in dem sie uns nach und nach der Worte entraubt. Allein, um auf so etwas Dummes wie eine »Sprachregelung« zu verfallen, da braucht es schon einen gewaltigen Hirnverfall. Was nicht gesagt werden kann, kann mit der Zeit auch nicht mehr gedacht werden, denn wie soll ich das, was in meinem Kopf vorgeht in Worte fassen, wenn mir diese schlichtweg ausgehen. Sprachkosmetik entspringt auch künstlich verformten Hirnen, die verschleiern sollen, dass derjenige, der schön reden, noch lange nicht schön denken kann. Wie ich heute morgen vernahm sollen die Wölfe in Deutschland nicht getötet, abgemurkst, hingemeuchelt, umgebracht oder gar massakriert werden, nein, sie werden »letal entnommen«! Welchen halbtoten Denkorganen entfährt solch ein Schwachsinn? Bis jetzt mein Spitzenreiter zum »Unwort des Jahres«, aber wir haben ja erst April, da wird sich so mancher Klugscheißer noch eine Steigerung entringen. Wer beschließt eigentlich, dass wir dieses und jenes Wort nicht brauchen, das es weg kann und warum? Wir entfernen aus der Farbpalllette doch auch keine Schattierung, nur weil sie uns nicht gefällt. Jetzt hat mir die Autokorrektur gerade aus Farbpallette erst Farbpalllette, dann Farbpalette gemacht, egal mir kommt es auf einen Buchstaben mehr oder weniger nicht an, wenn nur das Wort erhalten bleibt. Schließlich schreiben wir auch nicht mehr Bureau, sondern Büro, damit sich auch der orthografisch schwache Hansel des Wortes bemächtigen kann. Eines Wortes bemächtigen, was für ein Ausdruck. Sich die Macht eines Wortes zu eigen zu machen. Wortgewalt finde ich auch wunderschön, besonders, wenn dadurch körperliche Gewalt vermieden werden kann. Nehmt uns doch nicht die Werkzeuge, die verhindern, dass wir uns der Sprache beraubt, noch vor der verbalen Begrüßung die Köppe einschlagen, oder ist dies vielleicht gewollt? Ist ja auch lästig diese Herumdiskutiererei, Rübe ab und fertig und sich nicht damit auseinandersetzen müssen, was uns der Spucht da gerade sagen wollte. Wer kommen, sehen und siegen will, der redet nicht lange herum. Wieso kommt mir da gerade Trump in den Sinn? Wieder egal. Ein Wort einer Bombe gleich entschärfen, belegt, welche Sprengkraft in Worten liegen kann, also gehen wir sorgsam mit ihnen um, aber reduzieren sie um Himmels willen nicht! Denn was gibt es Schlimmeres, als an einer schmerzenden Seele zugrunde zu gehen, allein, weil man ihr keinen Ausdruck verleihen kann.

Mephisto

Heute Morgen, als ich mehr als laienhaft zur Musik von »Tanz der Vampire« meinen Raucherkrätzgesang hinzufügte und deswegen das Badezimmerfenster wohlweislich geschlossen hielt, kam mir eine Szene aus dem Film »Mephisto« mit Klaus Maria Brandauer in den Sinn. Hierin fragt er seine Frau, ob sie sich jemals richtig schämte, so richtig in die Hölle hinein, wie es präzisierte. Dann folgt die herzergreifende Geschichte, dass er sich einmal während seiner Zeit im Jugendchor mächtig und stark fühlte, seine Stimme laut und eine Oktave höher als alle anderen erklingen ließ und den eigenen Gesang als den eines wahren Engels empfand. Woraufhin der Chorleiter ihn wie ein lästiges Insekt ansah und ihn aufforderte einfach still zu sein. Verstehst du das?, fragt die Filmfigur Hendrik Höffgen. Ich glaubte, wie ein Engel zu singen und erntete ein »sei doch still«. Damals schämte er sich offensichtlich in die Hölle hinein und kam niemals wieder daraus hervor. Ein gefallener Engel, der sich, nur um zu gefallen, als Medienstar des teuflischen Naziregimes missbrauchen ließ. Paraderolle: der Mephisto, wer auch sonst. Anstatt die Kritik der pädagogischen Meisterleistung des Chorleiters zu übergehen und gegen die beginnende Scham immer lauter und noch lauter zu singen, verstummte er innerlich auf Lebenszeit und erholte sich nie wieder davon. Ich glaube, es ist nicht schwer, sich seine eigenen Höllenschammomente wieder ins Gedächtnis zu holen und wie damals krümmt sich unsere Seele in diesem unglaublichen Schmerz, von dem sich nur die wenigsten erholen. Von diesem Moment an schlagen zwei Seelen »ach in unserer Brust«. Die eine, die an sich selber glauben will und die andere, die dies »stets veneint«. Dann sorgen wir dafür, dass wir unsere Fenster geschlossen halten, auch wenn es nur darum geht, momentaner Lebensfreude einen gesanglichen Ausdruck zu verleihen oder weit schlimmer formuliert, zu gestatten. Ich gestatte mir einen heimlichen Ausbruch von Freude über meinen Gesang, singe höher als ich eigentlich könnte, breche nicht ab, sondern mache weiter, aber nur, wenn es niemand mitbekommt, denn das nächste »sei doch still« lauert an der nächsten Ecke. Anstatt ich bin, ich bin, ich bin zu schmettern, egal wie unvollkommen sich dies in euren Ohren auch anhört, nehme ich die vielleicht gar nicht eintretende Scham vorweg und verpasse meiner Seele, die ja nicht beißen, sondern jubilieren wollte, einen Maulkorb. Pscht, sei doch still, was glaubst du denn, wer du bist? Und auf diese Art und Weise erfahren wir nie, wer wir sind. Wir bekommen nur zu hören, was wir eigentlich nicht sind und werden zur lebenden Negation unser Existenz, die nun mal nicht von der Hand zu weisen ist. Aber es gibt ja genug Drogen, die uns vorspielen wir wären gar nicht da oder, schlimmer noch uns vorgaukeln, wir wären trotz aller Nichtigkeit etwas besonderes. Dabei ist das lautstarke Gröhlen des Alkoholikers nur der Ausdruck von Schmerz eines Wesens, das gleichzeitig da und nicht da ist. Verpasste Leben, wohin man auch schaut. Vielleicht besteht der erste Schritt ja darin, trotz geöffneter Fenster zu singen, auch wenn es sich grauslich anhört, man wird gehört. Der erste Beweis der Existenz! Damit aus dem »Geist, der stets verneint« auch mal was positives kommt. Nicht wahr, Mephisto?

X, Y, Z.

Jetzt musste ich gerade für eine Infomaterialanforderung bestätigen, dass ich kein Roboter bin. Leichtfertig bestätigte ich es, ohne zu wissen, ob es sich bei mir wie in dem Film Matrix nicht nur um ein in einer Flüssigkeit schwimmendes Gehirn ohne jeden Außenbezug handelt. Wir kennen das alte Descacartes-Problem, dass sich mit der Erkenntnis: Ich denke, also bin ich, quasi in Luft auflöst. Aber, wer macht sich heute schon noch die Mühe selbstständig, ach, was schreibe ich, überhaupt zu denken? Wenn ich die ganzen Xse zusammenzähle, die mir irgendwelche Leute für ein U vormachen wollen, beschränkt sich unser Alphabet zunehmend auf den Buchstaben X, was auch wieder interessant erscheint, weil es sich in der Sprache der Mathematik bei dem mit X oder Y oder Z Bezeichneten zumeist um Unbekanntes handelt. Anders ausgedrückt, was mit X ausgedrückt wird, bei dem weiß man nicht genau, worum es sich handelt. Nachher war das X tatsächlich ein U und die ganze Menschheitsgeschichte müsste umgeschrieben werden.Wir drucksen alle so lange um X herum, bis sich irgendwann, zumeist durch Zufall herausschält, worum es da geht. Das Schlimmste ist ja, dass es keiner zugibt. Da werden wir von selbsternannten Experten halb tot informiert, um am nächsten Tag zu erfahren, dass alles ganz anders ist, als bisher angenommen. Im Moment sind wir ja total auf dem Logarithmen-Trip. Es gibt nichts, aber auch gar nichts auf der Welt, dass uns ein Logarithmus nicht viel besser erklären könnte, als all das, was wir uns selber in unseren wirren Köpfen denken- und da merkt dieser böde Logarithmus nicht, dass es sich bei mir um mich und nicht um einen seiner noch mehr verblödeten Kollegen handelt? Egal, wo war ich stehen geblieben? Wenn also alles, was ich mir jemals denke, nicht so gut und effektiv ist, wie ein Roboter es an meiner Stelle könnte, ja, warum mache ich mir die Mühe überhaupt, muss sich doch jeder sagen, dessen Hirn wenigstens noch einigermaßen funktioniert. Auf jeden Fall habe ich keine Lust, einer Maschine zu erklären, dass ich keine Maschine bin. Die Sache mit dem Infomaterial hat sich demnach erledigt!

Altenheim

Wenn Sie mir versprechen, es meinem Mann nicht weiterzusagen, werde ich von meinem jüngsten Einkauf berichten. Da hat mein Gatte sich gerade von der exklusiv schönen, mit Vogelgezwitscher zur vollen Stunde sich meldenden Küchenuhr erholt, da steht ihm etwas Neues in Haus. Nun ist dieser Einkauf im Gegensatz zur Wanduhr nicht nur hübsch anzusehen, sondern im Gegenteil auch noch nützlich. Zwar will ich späterhin sowieso nicht ins Altenheim, aber, es könnte ja sein, dass mich die Demenz derart akut überfällt, dass für Verfügungen jeglicher Art keine Zeit mehr bleibt und ich tagsüber mit dem Gesicht zur Wand in einen endlosen Flur gerollt werde. Einzige Unterhaltung: die Stubenfliege an der Decke oder wohin auch immer mir der Schlaganfall den Kopf hin fixiert. Nein, nein so etwas kommt nicht in Frage, dafür habe ich jetzt vorgesorgt und, wenn mein Mann sich ob meiner Zukunftspläne einsichtig zeigt, darf er in mein Projekt einsteigen. Dann liegen wir nämlich Seit an Seit im wegen der Heimeligkeit ins Altersheim verfrachtete Ehebett und vertreiben uns die Zeit mit dem jetzt wieder altersgemäßen DVDs. Wenn es schon eine Jubiläumsausgabe mit sämtlichen je im Fernsehen ausgestrahlten Folgen gibt, dann muss man dies ausnutzen, zumal ich damals mit schöner Regelmäßigkeit die eine oder andere Episode verpasste. »Denn wenn ihr nicht umkehret und werdet wie die Kinder, kommt ihr nicht ins Himmelreich«, oder so ähnlich. Wenn dann altvertraute Lieder und ebensolche Dialoge ertönen, dann kehrt sie ins Gemüt zurück, die Geborgenheit der Kinderzeit. Wer kennt sie nicht die Insel mit den zwei Bergen und dem Fotoatelier? Wer hat nicht seinerzeit mit dem Seelöwen : Äch weiß nächt, was soll es bedeuten, intoniert oder die schicksalhaften Worte: Die Sonne geht auf und unter und zieht über mich hinweg in einer gemütlichen Mupfel, vor sich hinsinniert. Was war noch mit Bill Bo und seiner Bande? Und mit dem Löwen,der permanent »los« war? Wo steckt eigentlich Kater Mikesch? Fragen über Fragen, auf die es jetzt eine Antwort gibt, dank der Jubiläumsausgabe der Augsburger Puppenkiste. Der sternenübersäte Vorhang der Verleugnung jeder Animation ist ebenfalls hier in Emlichheim gelandet. Da wurde noch ein Meer aus Plastikfolie überfahren, was angesichts des Plastiks in den Weltmeeren fast schon prophetisch wirkt. Was ist mit den Sprachfehlern der Tiere in »Urmel aus dem Eis«? Besteht nicht unsere Jugend heutzutage aus einem einzigen Sprach- und Rechtschreibfehler? »Wer sich um Grammatik schert, bleibt trotz allem ungehört!« Der drei Wort Satz ist auf dem Vormarsch und der dem näheren Verständnis dienende Rest wird dazu animiert. Jetzt frage ich mich gerade, welcher Drache furchterregender wirkt. Derjenige, den unsere Vorstellung erschafft, oder das dämliche Vieh, das uns auf dem Silbertablett serviert wird. Man stelle sich vor Harry Potter wäre eine Produktion der Augsburger Puppenkiste. Millionen von Denkanstößen stünden dann Kosten von mehreren Millionen gegenüber. Der Herr der Ringe in den Händen, bzw. an den Fäden der Augsburger würde die Phantasie zu nie geahnten Dimensionen heranwachsen lassen und sie nicht mit Vorgegebenen überwuchern. Animation gab es damals nur bei den gleichnamigen Animierdamen und damit hatte es sich auch schon. Da der Schlaganfall allzu oft unverhofft kommt, werde ich für alle Fälle eine Notfalltasche packen. Ich weiß auch schon, was als Erstes hineinkommt.

Nordmännchentännchen

Gestern musste ich dringend zum Discounter. Dort gab es dreijährige Nordmanntannen im Angebot, die so winzig waren, dass die doppelte Verkleinerungsform der Überschrift durchaus ihre Berechtigung hat. In etwa so groß, bzw. lang wie mein Unterarm- ohne Hand, versteht sich. Toll, was so ein/e Nordmann/erin in drei Jahren zustande bringt. Natürlich muss der Weihnachtsschmuck jetzt auf Zuwachs gekauft werden, denn in diesem Jahr reicht es geschätzt gerade mal für ein Kerzlein und ein Kügelchen. Geschenke gibt es in Form von Briefmarken, da die Postwertzeichen unter das Bäumlein passen. Es werden eh zu wenig Briefe geschrieben, geschweige denn, dass diese hochromantische Form der schriftlichen Kommunikation wie damals auch noch zur Kunstform erhoben wird. Wahrscheinlich werden wir dermaleinst Romane in SMS-, oder whatsapp-Form lesen. Alles kann, nichts muss, schon gar keine Orthographie oder korrekte Zeichensetzung oder Groß- und Kleinschreibung, denn auch Worte wollen gleichgegendert werden. Der derart befreite Leser stoppelt sich sein eigenes Buch zurecht und vielleicht bleiben uns dadurch die ebenso zahl- wie sinnlosen Biographien erspart. Aber ich war ja noch bei den Nordmänner/innen, die noch welche werden wollen. Trotz nachdrücklicher Warnung meines Göttergattens, ich solle gefälligst von dieser »Noch-Bonsai-Ausgabe« der stattlichen deutschen Tanne fernbleiben, konnte ich nicht widerstehen. Außerdem sollten Befehle nie unhinterfragt bleiben, besonders, wenn ähnlich viel Kompetenz wie bei Ehemännern vorhanden ist. Seit Urzeiten wird der Spruch unter Frauen weiter gegeben, dass Männer zwar alles essen, aber beileibe nicht alles wissen dürfen- besonders in Bezug auf die Ingredienzien der Mahlzeit. Also ich würde anstelle meiner besseren Hälfte meine Gattin ja niemals ärgern, besonders, wenn sie die Hoheit über die Kochtöpfe besitzt. Denn bevor Frauen alles abließen, wie sie es heute hoffentlich tun, wurde früher etwas ganz anderes abgelassen, bevorzugt in das vorzügliche Süppchen. Da gibt es tatsächlich noch Männer, die glauben, der Blutstropfen in den Reibekuchen entstamme den zarten Fingerchen der Frau, dabei hatte er seinen Ursprung in noch weit zarterem Gewebe. Deswegen gab es die Dinger auch nur höchstens einmal im Monat. Aber ich komme schon wieder vom Thema ab. Zwei der drei erworbenen Bäumlein verkaufte ich meinem Mann als Geschenke an Mutter und Schwiegermutter, denn ist deren Ehrgeiz erst einmal geweckt, halten sie noch locker die nächsten zehn Jahre durch, um das Bäumchen zum Baume heranwachsen zu sehen, aber, so ist sie nun einmal, die Nachkriegsgeneration, da machste nix dran. Nummer drei wächst und wuchert an geheimen Orte dem Weihnachtslichterglanz zukünftiger Jahrzehnte entgegen. Hoffentlich halte ich noch so lange durch, aber das Gewächs kann auch als Grabschmuck durchgehen, dann aber mit Lichterkette!

Auferstehung

Nun wartete ich über die Ostertage vergebens. Der Papst kam nicht zur Fußwaschung vorbei. Nicht, dass ich über die Fastentage derlei Tätigkeit eingestellt hätte, denn auch dem Heiligen Vater sollte man nicht alles zumuten. Vor Franziskus wurde die Waschung durch den Papa nur bei Mitgliedern der Kurie vorgenommen und man wurde bislang den Verdacht nicht los, es handele sich dabei um ein sexuelles Fetischding bei den Ranghöchsten der Kirche, aber, Franziskus, der bereits im Keimstadium verdorrende Reformpapst nahm sich diesmal Sträflinge vor. Zwar sind die sexuell auch nicht so ganz ausgelastet, wie man weiß und da bewirkt so eine Waschung so manches Wunder. Aber bleiben wir beim Kirchenerneuerer Franziskus. Lieber Papst, wie wäre es einmal mit einer gesalzenen Rücktrittsdrohung, wenn die da oben nicht so spuren, wie der Zweithöchste will? Lass sie doch toben! Die Heiligsprechung durch den Rest der Welt wäre dir heute, also bereits zu deinen Lebzeiten gewiss! Aber, wie es ausschaut, hat es vor und nach Luther kein: »Hier stehe ich und kann nicht anders«, mehr gegeben. Wenn du den Armen geben willst, so tu dies gefälligst und predige nicht sinnlos herum. Wirf die Frevler endlich aus dem Tempel, oder hast du Angst vor der eigenen Kreuzigung? Es ist eine Sache, die Kurie des spirituellen Alzheimers zu beschimpfen, aber eine andere, sie mit Schimpf und Schande davon zu jagen. Dann kannst du dir von mir aus die Fußwaschungen sparen, denn auch der gewaschene Fuß wird dich treten, wenn du ihn anschließend leckst! Was wurde Jesus, also Gott um seine Macht unter Beweis zu stellen? Er wurde zum Menschen. Wer bist du Giorgio Bergoglio, dass du denkst, du würdest über ihnen firmieren? Was bildet ihr kostümierten Hanseln, denen der Hirnkalk unter den Mitren hervorrieselt, euch eigentlich ein. Oha! Franziskus hat ein Vorwort zu einem Buch über den sexuellen, kirchlichen Missbrauch geschrieben, anstatt die Brut mit Stumpf und Stiel auszurotten. Da wären doch locker dutzende, ach, was schreibe ich, hunderte von Scheiterhaufen angebracht! Spar dir deine Hostien und Höflinge und vor allem spare mir deine folgenlosen Predigten. Puh! So gesehen ist es doch besser, dass Franziskus nicht bei mir vorbei schaute! Was mutzen alle Auferstandenen dieser Erde, wenn die zuständigen sich nicht einmal ansatzweise erheben.